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Das japanische Dorf Kamikatsu will bis 2020 keinen Müll mehr produzieren

Kamikatsu ist ein kleines Dorf mit etwa 1500 Einwohnern auf der japanischen Insel Shikoku. Ein Fluss schlängelt sich durch die Landschaft, bewaldete Berge bilden die natürliche Kulisse des Dorfes. Hier gibt es keine Hochhäuser oder grosse Shoppingcenter. Und auch keine Müll-Deponie oder -Verbrennungsanlage. Denn 1993 hat sich das Dörfchen gesagt: Wir wollen eine Stadt ohne Abfall sein. 

Bis 2020 will Kamikatsu ein echtes «Zero Waste»-Dorf sein. Heute haben sie eine Recycling-Rate von über 80 Prozent. Wenn du dich mal darüber nervst, dass man den Müll bei uns in Glas, Kompost, Papier etc. trennen muss, denke kurz an die Einwohner von Kamikatsu. Dort wird Müll nämlich in 45 Kategorien sortiert! 

Neben jedem Behälter steht, für was der recycelte Müll genutzt wird.

Metalle werden in fünf Typen unterteilt, Plastik in sechs, Papier sogar in neun! Der Müll wird normalerweise zu Hause vorsortiert und dann an der Dorf-Sammelstelle eingeworfen. Angestellte helfen dabei, korrekt zu sortieren. Früher stand an diesem Ort eine Verbrennungsanlage, die den Müll einfach im Offenen verbrannt hat. Heute ist es ein Treffpunkt für alle Anwohner. 

Das Müllsortieren tut nicht nur der Umwelt gut, sondern auch der Dorfkasse. Der extrem gut sortiere Müll kann verkauft werden. Die Einnahmen fliessen zurück ins Dorf. Das System ist inzwischen so effizient, dass es sechsmal teurer wäre, Müll in die nächste Stadt zu fahren und dort verbrennen zu lassen. 

Kazuyuki Kiyohara leitet die Sammelstelle und hilft Anwohnern beim Sortieren.

Jeder muss anpacken

Damit Kamikatsu bis 2020 das Ziel von Zero Waste erreichen kann, muss jeder Einwohner anpacken. An der grossen Sammelstelle waschen die Anwohner jede Glasflasche gut aus, entfernen die Etiketten und andere Materialien daran, bevor sie die Flasche zum richtigen Glas werfen. 

Die Journalistin Yumi Asada von «ABC News» berichtet, dass sie einen Mann sah, der eine Porzellan-Toilette mit einem Hammer bearbeitete, bis er die darin versteckten Plastik-Teile aussortieren konnte. 

Dies hat zur Folge, dass viele Anwohner genauer überlegen, was sie genau kaufen und ob sie es wirklich brauchen. Sonst ist ihnen der Aufwand zu gross, den Müll danach zu sortieren. 

Als die rigorose Abfalltrennung eingeführt wurde, waren viele Anwohner noch dagegen. Doch inzwischen ist es schlichtweg Teil ihres Alltags geworden, den Müll korrekt zu trennen, wie Seniorin Hatsue Kateyama in dieser kurzen Youtube-Dokumentation (englisch) erzählt.

Warum beim Recyceln haltmachen?

Wie wir aber alle wissen, ist Recycling nicht die Lösung des Müll- und Plastikproblems. Die Menschheit muss auch lernen, nicht mehr so viele Produkte zu kaufen und die einzelnen Gegenstände länger zu nutzen. 

Auch hierfür hat Kamikatsu eine Lösung gefunden: den Kurukuru Shop. «Kurukuru» bedeutet so viel wie «rotieren», denn genau das tun die Produkte darin. Leute bringen dort ihre alten Gegenstände hin, die sie selbst nicht mehr brauchen, aber die eigentlich noch in einem guten Zustand sind. Pro Jahr wechseln dort etwa 15 Tonnen Waren den Besitzer.

Im Altersheim hat man eine Kurukuru-Bastelecke eingerichtet. Dort machen Senioren und Seniorinnen aus alten Kimono-Stoffen oder anderen Textilien Stofftiere, Regenschirme, Taschen und andere Accessoires.

Ein Problem bleibt

Japaner lieben schön und sauber verpackte Dinge. Während umweltbewusste Europäer sich nerven, dass Bio-Gemüse in Plastikverpackungen ist, kann man in Japan in vielen Läden einzelne, bereits geschälte Früchte und Gemüse in Plastikfolien kaufen. Gewisse Produkte gibt es nur in solchen Verpackungen. Als Konsument ist es deshalb in Japan sehr schwierig, Dinge zu kaufen, die nicht übermässig verpackt sind. 

Solche Verpackungen für einzelne Früchte sind in Japan normal.

Aber Kamikatsu gibt nicht auf. Das Dorf ist inzwischen über die Landesgrenzen hinaus für seine Zero-Waste-Lebensweise bekannt geworden. In Malaysia hat 2017 ein Kurukuru-Shop die Türen geöffnet und aus aller Welt fliegen Experten in das japanische Dörfchen, um sich das Ganze genauer anzusehen. 

Das Dorf wird wieder jung

Japan leidet wie kein anderes Land der Welt an der Überalterung. Momentan geht man davon aus, dass in den nächsten drei Jahren die Bevölkerung von 127 Millionen auf 100 Millionen sinken wird. 

Besonders Dörfer leiden darunter, dass alle Jungen in die Städte ziehen und praktisch nur noch Senioren auf dem Land leben. Das führt dazu, dass nach und nach Dörfer und Gemeinden regelrecht aussterben. 

Kamikatsu hat es mit dem Image als Zero-Waste-Mekka geschafft, dass sich wieder mehr junge Menschen für das Dorf interessieren. Es gibt inzwischen sogar eine hippe Craftbeer-Brauerei mit Restaurant, die komplett aus recycelten Gütern gebaut und eingerichtet wurde. 

Für junge Japaner, denen das Stadtleben zu hektisch geworden ist, ist die Region um Kamikatsu ein Rückzugsort geworden. Die Regierung der Insel Shikoku regt Firmen zudem an, jungen Menschen mehr Möglichkeiten zu bieten, via Homeoffice zu arbeiten, damit sie auf dem Land leben können. 

Bilder: Zero Waste Academy, Rise & Win Brewing Co., Pixabay